
Vom Samenkorn,
das eine Liebesgeschichte mit dem Leben anfing
Es war einmal ein kleines Samenkorn, das lag viele Jahre unglücklich
in der kalten Erde - bis es eines Tages angesprochen wurde. Es freute sich,
daß es noch jemanden gab, der sich an es erinnerte, denn daran hatte
es nicht mehr geglaubt. Es war gewohnt, unbeachtet zu sein und reagierte
erstmal aggressiv, als es in seiner Ruhe gestört wurde.
Dann zog es sich wieder resigniert zurück. Es sprach zu sich:
"Diese Welt ist nichts für mich, da ist es kalt und regnerisch
- ich bleibe lieber hier ungestört in der Geborgenheit des Bodens.
Außerdem ist es da draußen so hell, daß mir die Augen
brennen - - -"
Aber ohne es zu merken, fing es an, in dem kleinen Korn lebendig zu
werden: Es wurde größer und die Wärme und Feuchtigkeit
des Bodens wirkten auf es ein - Es war sehr verunsichert, was da geschah,
merkte aber, daß es nichts gegen die Bewegung in seinem Inneren tun
konnte - - es fing an zu wachsen!!!
Dann, plötzlich, eines Tages brach das Leben aus ihm heraus: Es
drückte die harte, schwere Erde nach oben und erblickte mit seinem
kleinen Keim das Licht der Welt!
So sah es also da draußen aus! Oh, es bekam Angst! - Wie sollte
es das alles aushalten? Im kalten Boden hatte es nie Angst verspürt
- und nun all das Neue, das es auf sich zukommen sah! - Es wünschte
sich zurück - aber nun war es geboren - und es gab keinen Weg zurück!
- Es mußte weiterwachsen, ob es wollte oder nicht!!!
Bald spürte es jedoch, daß die Sonne es gut mit ihm meinte
- sie schien warm und liebevoll auf das zarte Grün und kitzelte es
manchmal an der Nase - Sie schickte auch frischen Morgentau, damit es nicht
vertrockenen sollte. Das waren ihre Freudentränen, weil sie es geschafft
hatte, das kleine Korn zum Leben zu erwecken!
Und schon nach kurzer Zeit fühlte sich das kleine Korn mit seinem
grünen Sproß sehr wohl und begann, sich am Leben zu freuen -
Es hatte zwar immer noch Angst, aber sie verflog mit der Zeit. Schließlich
hatte es früher von bösem Eisregen gehört und von Schneestürmen,
doch nun sah es, daß es draußen Frühling war und kein
Eis und Schnee mehr kam. - Es fing an darauf zu vertrauen, daß es
weiterwachsen durfte, weil es das Geschenk des Lebens erhalten hatte.
Da wurde das kleine Korn sehr glücklich und vergaß seine
lange Einsamkeit in der dunklen Erde. Es wuchs fröhlich weiter und
entwickelte sich zu einem prächtigen Baum, der weit im Lande sichtbar
war und vielen Menschen von seiner Liebesgeschichte mit dem Leben erzählte.
Julia-Gertraud Hamann
(1995)